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HÖR-PHÄNOMEN IM FOKUS

Dasabsolute  Gehör

Frequenzen in verschiedenen Farben

Das absolute Gehör wird oft als Synonym für besondere musikalische Begabung verwendet. Was bedeutet das automatische Erkennen von Tönen aber wirklich? Eine Musikwissenschafterin klärt auf.

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Mozart, Falco und Jimi Hendrix waren nicht nur Ausnahme-Musiker, sie hatten wohl auch ein absolutes Gehör. In Europa und Nordamerika besitzt nur einer von 10 000 Menschen die seltene Gabe des absoluten Hörens, also dem genauen Erfassen von Tonhöhen ohne einen Vergleichston. Bei einer so ungewöhnlichen Begabung liegt es nahe, dass sich Mythen darum ranken: Absolute Hörer seien musikalisch besonders begabt und würden auch sonst besser hören als andere. Die Musikwissenschafterin Prof. Kathrin Schlemmer stellt klar, wie ein absolutes Gehör funktioniert und wann es sogar eher lästig ist.

Frau Prof. Schlemmer, die wichtigste Frage zuerst: Wie funktioniert denn ein absolutes Gehör überhaupt?
Schlemmer:
 Das absolute Gehör unterscheidet sich hinsichtlich des Hörvermögens nicht grundsätzlich von einem nicht-absoluten Gehör. In den Ohren und dem primären Hörsystem von Absolut-Hörern haben sich bislang keine Besonderheiten gezeigt. Das Besondere ist vermutlich die Analyse dessen, was gehört wird. Was man bisher herausgefunden hat, ist, dass sich Absolut-Hörer einzelne Töne sehr gut merken können, was sehr wahrscheinlich daran liegt, dass sie diese Töne mehr oder weniger automatisch benennen können. Das können Relativ-Hörer nur, wenn sie sich eine Stimmgabel, ein Klavier oder Ähnliches zu Hilfe nehmen.

Erkennen Absolut-Hörer die Tonhöhen bewusst oder ist es eher ein unterbewusstes Gefühl?
Schlemmer: 
Das ist eher unterbewusst. Man kann es sich so ähnlich vorstellen wie das, was Synästhetiker tun, wenn sie Farben hören. Auch das haben sie sich nicht gewünscht oder ausgedacht, sondern das passiert mehr oder weniger nebenbei.

Das absolute Gehör wird gerne mit musikalischem Talent gleichgesetzt. Hängt das denn immer zusammen?
Schlemmer:
 Das absolute Gehör kann man nicht alleine als Anzeichen von musikalischem Talent ansehen. Allerdings muss man sagen, dass wir mehr Absolut-Hörer unter Musikern finden, was einfach daran liegt, dass sich das absolute Gehör sozusagen nebenbei entwickelt, während man sich mit Musik beschäftigt. Wenn man zum Beispiel bereits im Kindesalter Klavier lernt, hört man sehr oft bestimmte Klänge und verbindet sie mit den entsprechenden Noten, die man gleichzeitig auf dem Notenblatt sieht. Wenn das Ganze häufig und früh genug passiert, dann kann es zu dieser permanenten Verbindung zwischen einem Klang und seinem Namen, zum Beispiel „C“, kommen. Aber man kann nicht sagen, dass unter Musikern Absolut-Hörer die talentiertesten sind. Sie haben unter bestimmten Testbedingungen, wenn es um die Erinnerung an Einzeltöne geht, Vorteile. Aber für das tägliche Leben eines Musikers spielt das absolute Gehör kaum eine Rolle.

Gibt es auch Situationen beim Musikmachen, in denen das absolute Gehör sogar stört?
Schlemmer: 
Zum Nachteil werden kann das absolute Gehör dann, wenn in den Noten etwas anderes steht als der Absolut-Hörer hört. Entweder, weil es sich nicht um die Standard-Stimmung handelt oder in Chören, die ein bisschen absinken. Man muss sich dann im Prinzip mit dem ganzen Chor nach unten bewegen, obwohl man bemerkt, dass der Chor gerade zu tief singt.

Junge Frau am Klavier
Das absolute Gehör kann man sich antrainieren – zum Beispiel, wenn man sehr jung mit dem Klavierspielen anfängt

Das absolute Gehör kann man also üben. Braucht man dazu eine bestimmte Basis an Begabung oder kann absolutes Hören wirklich von null auf antrainiert werden?
Schlemmer:
 Das hängt vom Alter ab. In Japan gibt es eine musikalische Früherziehung, die auch ein Tonarten-Training enthält und eine extrem hohe Lernquote hat. Zwischen 80 und 100 Prozent der trainierten Kinder konnten in Studien, die das untersucht haben, nach ein paar Jahren Töne und Akkorde absolut klassifizieren. Da scheint es eigentlich keine besonderen Voraussetzungen zu geben, wenn man sehr früh anfängt. Bei Erwachsenen sind die Lerneffekte viel kleiner. Man kann sich das im Grunde vorstellen wie ein Lernfenster, das sich irgendwann schliesst, ähnlich wie bei dem akzentfreien Erwerb von Fremdsprachen.

Es heisst, dass die Fähigkeit absolut zu hören in Regionen viel häufiger vorkommt, in denen tonale Sprachen gesprochen werden, bei denen die Bedeutung von gleich klingenden Wörtern mit der Tonhöhe variiert. Sind Absolut-Hörer nur bei uns so selten?
Schlemmer: 
Das ist schwierig festzustellen, weil das absolute Gehör ja zumindest an ein Bewusstsein für stabile Tonhöhen gebunden ist. Auch in Europa wurde das absolute Gehör erst mit dem Aufkommen der Normstimmung beobachtbar. Das heisst, in vielen Musikkulturen, die alleine mündlich tradiert sind und zum Teil nicht mit Tonnamen arbeiten, kann man ein Phänomen wie das absolute Gehör mit den bisherigen Methoden gar nicht untersuchen. Es gibt aber auch Kulturkreise oder Teile der Bevölkerung, für die Tonhöhen wichtiger sind: Man findet eine erhöhte Häufigkeit von absolutem Gehör bei blinden Personen, die sich viel stärker an ihrem Gehör orientieren. Es stimmt, dass es in China manche Dialekte gibt, in denen Tonbewegungen eine grosse Bedeutung haben. Da beobachten wir in Musiker-Stichproben eine höhere Quote an Absolut-Hörern, aber auch dort gibt es keine Tests, die sagen, dass die Allgemeinbevölkerung absolut hört. Man ist sich bis heute nicht ganz sicher, ob nicht auch genetische Faktoren die Häufigkeit beeinflussen, weil wir auch eine erhöhte Quote in Japan finden, wo man keine Tonsprache spricht. Allerdings gibt es dort eben diese ausgereifte musikalische Früherziehung. Die genaue Differenzierung der Faktoren, die zu einem absoluten Gehör führen, ist nach wie vor eine spannende Aufgabe für die musikpsychologische Forschung.

Danke für das interessante Gespräch!

Wollen Sie Ihr Tongedächtnis verbessern, dann versuchen Sie es mit dem folgenden Video:

Video: Haben Sie ein absolutes Gehör? 

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